Supervision, Intervision (unter KollegInnen)

Die Notwendigkeit von Supervision, Intervision bzw. kollegialem Austausch über Behandlungen ist aus der Sicht nahezu aller im psychotherapeutischen Bereich tätigen Ausbildungsinstitutionen, Berufs- und Fachverbände unumstritten. Die Rechtsprechung trägt diesem Umstand insoweit Rechnung, als anonymisierte Falldarstellungen – ob des fehlenden Merkmals der 'Offenbarung' – den Tatbestand einer Verletzung der Verschwiegenheitspflicht nicht erfüllen.

Erfolgt die Behandlung für die PatientInnen erkennbar im Rahmen eines Behandlungsteams (z.B. Behandlung in einer stationären psychiatrisch-psychotherapeutischen Einrichtung), ist eine konkludente Einwilligung hinsichtlich der Mitteilungen an mitbehandelnde KollegInnen insoweit anzunehmen, als davon ausgegangen werden kann, daß die anvertrauten Daten und Geheimnisse nicht einer speziellen Person anvertraut wurden. Voraussetzung der Wirksamkeit des (ausdrücklichen oder stillschweigenden) Einverständnisses ist die Kenntnis der Einwilligenden, welche Daten an welche Personen weitergegeben werden.

Für Supervisionen bzw. Intervisionen im Rahmen des fachlichen Austausches niedergelassener PsychotherapeutInnen kann von einer konkludenten Einwilligung grundsätzlich nicht ausgegangen werden. Dennoch ist die Vorstellung von Therapieverläufen– auch ohne das Einverständnis der betreffenden Personen zulässig, wenn – wie bereits erwähnt – deren Anonymität sichergestellt ist. Der Einwand völlige Anonymität ließe sich ebenso wenig herstellen wie die Entwicklung einer unlesbaren Schrift, ist begründet, steht jedoch nicht im Widerspruch zum Bestreben, den durch die Verschwiegenheit geschützten (potentiellen) Raum nicht ohne Not (z. B. durch die Veränderung von Informationen, die eine Identifikation erleichtern) zu beschädigen. Auch aus diesem Grund erscheint es behandlungstechnisch wenig hilfreich, das Einverständnis der Betroffenen im Einzelfall einzuholen [1]. Dadurch wären Patienten gezwungen eine Entscheidung zu treffen, welcher letztlich (Gegenübertragungs-) Probleme und Sicherheitsbedürfnisse auf Seiten der TherapeutInnen zugrunde liegen. Praktisch empfehlenswert ist die (bei den Lindauer Psychotherapietagen praktizierte Regelung), nach der sich TeilnehmerInnen für den Fall, daß sie die vorgestellten PatientInnen erkennen, verpflichten, die Supervision (bzw. Veranstaltung) zu verlassen.

Gerade im ländlichen Raum und in Kleinstädten ist besonders auf die sorgfältige Veränderung personenbezogener Informationen zu achten, da bereits die Kombination verschiedener anonymer (und für sich selbst jeweils unspezifischer) Angaben – z.B. Beruf, Familienstand, Kinderzahl – eine Identifizierung der betroffenen PatientInnen nach sich ziehen kann.

Anmerkung: Die Nachteile, die sich durch die Veränderung oder das Weglassen anamnestischer Daten aus Gründen der Schweigepflicht hinsichtlich der 'biographischen Psychodynamik' ergeben, könnten vermutlich in den meisten Fällen durch das vertiefte Verständnis der Übertragung- und Gegenübertragung (anhand von Gesprächsprotokollen, der Szene bzw. von Handlungsdialogen) aufgewogen werden.


1 Eine pauschale Einverständniserklärung (z.B. eine schriftliche Erklärung zu Beginn der Behandlung, die eine Weitergabe von Informationen an eine Supervisorin und/oder KollegInnen beinhaltet) wäre schon deshalb problematisch, da sie die Kenntnis nehmenden Personen sowie eine Eingrenzung der zu offenbarenden Daten beinhalten müßte, vor allem aber, weil sie sich nur auf die bis zum Zeitpunkt der Abgabe der Erklärung anvertrauten Geheimnisse beziehen würde. Von einer konkludenten Einwilligung kann nur dann ausgegangen werden, wenn sich die Betroffenen der Tatsache und Bedeutung einer fortlaufenden Supervision im Klaren sind.

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Schweigepflicht, Datenschutz und Diskretion I Dr. Jürgen Thorwart

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