Juristische, praktische und psychodynamische Aspekte der beruflichen Verschwiegenheit

Obwohl die berufliche Schweigepflicht einen der am häufigsten beschworenen berufsethischen Grundsätze darstellt, stellen Verletzungen der Schweigepflicht keine Einzelfälle dar. Zudem besteht in der alltäglichen Praxis bei den Angehörigen der betroffenen Berufsgruppen erhebliche Unsicherheit über die Befugnis bzw. Pflicht zur Offenbarung anvertrauten Wissens an Dritte (z.B. Vorgesetzte, KollegInnen, Institutionen, Angehörige).

Während die fachliche Kooperation zu den grundlegenden Prinzipien der medizinischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung (Stichworte: Teamarbeit, Netzwerk, Case-Management) gehört, werden die sich daraus ergebenden Fragen der Verschwiegenheit und des Datenschutzes nur unzureichend reflektiert und bedacht.

Gleichzeitig wird eine politisch-gesellschaftliche Tendenz zur Aufweichung der beruflichen Schweigepflicht durch immer neue gesetzliche Regelungen deutlich, ohne daß die weitreichenden Konsequenzen dieser Veränderungen ausreichend thematisiert würden.

Die Internetseite richtet sich einerseits an jene Berufsgruppen, die im medizinischen, psychosozialen oder psychotherapeutischen Bereichen tätig sind, insbesondere:

  •   Ärztinnen und Ärzte

  •   Diplom-PsychologInnen

  •   Diplom-SozialpädagogInnen und Diplom-SozialarbeiterInnen

  •   Psychologische PsychotherapeutInnen

  •   Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen

  •   weitere Berufsgruppen (Krankenschwestern und -pfleger, ArzthelferInnen,
      Sprechstundenhilfen, StudentInnen, Diplom-PädagogInnen etc.)

und andererseits an Personen, die von der Problematik direkt oder indirekt betroffen sind, so beispielsweise:

  •   KlientInnen, PatientInnen

  •   Angehörige,

  •   BürgerhelferInnen oder ehrenamtlich tätige Personen.

sowie an alle Personen, denen Fragen von Datenschutz, Schweigepflicht und Diskretion ein gesellschaftpolitisches Anliegen sind.


Verletzungen der Schweigepflicht berühren das Thema Ethik. Seit nunmehr 10 Jahren (seit 2004) steht der Ethikverein - Ethik in der Psychotherapie allen Menschen zur Verfügung, die im Zusammenhang einer psychotherapeutischen Behandlung Fragen haben oder einen Rat brauchen. Insbesondere dann, wenn es zu Grenzüberschreitungen bzw. -verletzungen gekommen ist, aber auch, wenn wenn Informationen über professionelle psychotherapeutische Behandlung und deren Rahmenbedingungen benätigt werden.

Unter "Sie erreichen uns" finden Sie die BeraterInnen (erfahrene PsychotherapeutInnen - u. a. auch mich), an die Sie sich gegebenenfalls wenden können.


Aktuelle Informationen zu Fragen der Schweigepflicht
und des Datenschutzes aus Politik, Wirtschaft und Justiz
finden Sie unter
Aktuelles.

Leonardo da Vinci: Vitruv (1490)

Venedig: Galleria dell' Accademia


Webseitenbetreiber:

Dr. Jürgen Thorwart

Dipl.-Psychologe

Psychologischer Psychotherapeut

Psychoanalytiker (DGPT)

 Zur Praxis


Weitere Angaben zum Telemediengesetz
 finden Sie im  Impressum.


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Januar 2016


 

Hippokrates: Uffizien, Florenz

Der Eid des Hippokrates

(Auszug)

Was immer ich sehe und höre, bei der Behandlung oder außerhalb der Behandlung, im Leben der Menschen, so werde ich von dem, was niemals ausplaudert werden soll, schweigen, indem ich alles Derartige als solches betrachte, das nicht ausgesprochen werden darf.

Hippokrates von Kos (um 460 bis 375 v. Chr.)

Aus: Deichgräber, Karl (1983): Der hippokratische Eid. Stuttgart: Hippokrates  Verlag
4. Aufl. 1983, 15 (Übersetzung aus dem Altgriechischen)

Abbildung: © www.aeria.phil.uni-erlangen.de. (Antikensammlung Erlangen AERIA)


 

Mignon

Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,

Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;

Ich möchte dir mein ganzes Innres zeigen,

Allein das Schicksal will es nicht.

Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf

Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen;

Der harte Fels schließt seinen Busen auf,

Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.

Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,

Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen;

Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,

Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.

J. W. von Goethe (1827): Gedichte (Ausgabe letzter Hand): Aus Wilhelm Meister. Berliner Ausgabe 1960, Band 1, 353


sub rosa dictum

In der griechischen Mythologie schickte man Harpokrates, dem Gott des Schweigens, Rosen um die Liebesaffäre der Liebesgöttin Venus zu verbergen damit er das Geheimnis bewahre. Seither gilt die Rose als Symbol der Verschwiegenheit (so beispielsweise auch die 'Weiße Rose' der Geschwister Hans und Sophie Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Prof. Kurt Huber).

Anmerkung:

Die Charakterisierung des Harpokrates als Gott des Schweigens beruht offensichtlich auf einer mißverständlichen Deutung der Darstellung des ägyptischen Gottes durch die Griechen. Der auf den Mund gelegte Finger (teils auch zwei Finger) bringt das kindliche Alter des Gottes Horpechrot (griech. Harpokrates), Sohn der ägyptischen Göttin Isis, zum Ausdruck nicht aber eine Geste des Schweigens (Quelle: Mayer's Konversationslexikon, Band 8, 729 - online Ausgabe).

 © Oliver Mayer

lizenzfreie Abbildung

www.pixelio.de

Harpokrates mit Jugendlocke

 © de.wikipedia.org


 

Der Psychoanalytiker kann Schweigepausen einlegen; ebenso wie der Maler oder Musiker kann er nonverbales Material kommunizieren. In ähnlicher Weise kann der Maler Material kommunizieren, das nicht visuell ist, und der Musiker Material, das unhörbar ist. Das präverbale Material, das der Psychoanalytiker erläutern muß, illustriert unweigerlich die Kommunikationsschwierigkeit, die er selbst erlebt. Die Fähigkeit, Punkte, Geraden und Raum zu benutzen, wird wichtig für das Verstehen des »emotionalen Raums«, für die Kontinuität der Arbeit und das Vermeiden einer Situation, in der zwei Persönlichkeiten, die sich nicht artikulieren können, unfähig sind, sich aus den Fesseln dieser Sprachlosigkeit zu befreien.

Bion, W. R. (1970/2006): Aufmerksamkeit und Deutung. Tübingen: edition diskord, 24


La Discrétion

Dubufe, Claude Marie (1790-1864), um 1820-1827 (zugeschrieben)

Portrait der Pauline Appert, Frau des französischen Industriellen Nicolas Appert. Die junge Frau wird in Rückansicht zum Betrachter vor einem grünen Hintergrund abgebildet. Sie trägt ein weißes, schulterfreies Kleid und einen roten Turban im dunkelbraunen Haar. Ihr Gesicht ist stark nach rechts gedreht. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand ruft sie zur Verschwiegenheit, zur Diskretion auf.

Der Künstler Dubufe war Schüler Jacque-Louis Davids und stellte zwischen 1810 bis 1863 im Salon in Paris aus. Er ist insbesondere als Portraitmaler bekannt, hat sich aber auch mit Genrebildern oder mythologischen Szenen (z.B. Gemälde Apollon und Cyparis, um 1822/ Musée Calvet in Avignon) auseinandergesetzt.

Unsigniert, mit Information zum Titel des Gemäldes und Zuschreibung aus einer früheren Versteigerung (Rs.) aus Frankreich. In vergoldetem Holzrahmen, Maße Gemälde: 60 x 49 cm, gerahmt: 70,5 x 60 cm, starke Restaurierungsspuren.

Literatur: Benezit Bd. 4, S. 776, Thieme-Becker Bd. 10, S. 13/14

Text und Bild mit Genehmigung von lot-tissimo, Hamburg (9/2009)

Bild: wikimedia commons Quelle: www.lot-tissmo.net


Wird die menschliche Vergesellschaftung durch das Sprechenkönnen bedingt, so wird sie - was freilich nur hier und da hervortritt - durch das Schweigenkönnen geformt. Wo alle Vorstellungen, Gefühle, Impulse, ungehemmt als Rede hervorsprudeln, entsteht ein chaotisches Durcheinander, statt eines irgendwie organischen Miteinanders.

Georg Simmel (1858-1918), deutscher Philosoph und Soziologe: Soziologie Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Berlin: Duncker & Humblot, 1. Auflage 1908: 285.  [Kapitel V: Das Geheimnis und die geheime Gesellschaft]

Zitat im Zusammenhang: Link

 

Le Discret

Ducreux, Joseph (1735-1802)

Öl auf Aluminiumtafel (von Leinwand übertragen).

Bild: wikimedia commons Quelle: University of Kansas

 

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